Nachruf auf Prof. Dr. Holm Sundhaussen

 

Am 21. Februar 2015 verstarb in Regensburg der am 17. April 1942 in Berlin geborene Südosteuropa-Historiker Holm Sundhaussen. Er war von 1988 bis 2007 Professor für Südosteuropäische Geschichte am Osteuropa-Institut der Freien Universität und von 1998 bis 2009 Co-Direktor des Zentrums (seit 2003 Kollegs) für Vergleichende Geschichte Europas in Berlin.

Der Zerfall Jugoslawiens und die jugoslawischen Zerfallskriege in den 1990er Jahren waren Prozesse, die auch den Historiker Holm Sundhaussen prägten. Schon in seiner ersten Monographie über Jugoslawien, Geschichte Jugoslawiens 1918–1980, die bereits 1982 in Stuttgart erschien, also bereits zwei Jahre nach Titos Tod 1980, zog er eine erste Bilanz – damals noch ohne zu ahnen, dass dem Land nur noch neun Jahre der Existenz bevorstanden. Seine Enttäuschung über den Zerfall und vor allem über die Art und Weise des Zerfalls ist dem gut zehn Jahre später erschienenen, relativ kurzen Werk Experiment Jugoslawien. Von der Staatsgründung bis zum Staatszerfall (Mannheim 1993) anzumerken. Es versteht sich als Ergänzung seines 1982 publizierten Standardwerkes. Die Zeit der Kriege auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien bedeutete für Sundhaussen mit Ausnahme von Experiment Jugoslawien eine Zeit, in der er weniger publizierte, dafür aber umso mehr lehrte. Er fokussierte sich auf seine Arbeit als Professor am Osteuropa-Institut der Freien Universität und gründete zusammen mit den Professoren Jürgen Kocka, Hartmut Kaelble und Manfred Hildermeier das Zentrum (seit 2003 Kolleg) für Vergleichende Geschichte Europas, dessen Co-Direktor er bis 2009 blieb.

In diese Zeit fiel aber auch seine öffentliche Diskussion mit Maria Todorova über den Balkan-Begriff. Die in der Forschung als Sundhaussen-Todorova-Kontroverse eingegangene Debatte wurde in der bei Vandenhoeck & Ruprecht erscheinenden Zeitschrift Geschichte und Gesellschaft über vier Jahre lang geführt. Ausgelöst wurde sie durch Todorovas Buch Imagining the Balkans (New York 1997) [auf deutsch unter dem Titel Die Erfindung des Balkans: Europas bequemes Vorurteil erschienen]. Während Todorova den “Balkanismus” als eine “Erfindung” des Westens verstand und sich dabei an Larry Wolffs Inventing Eastern Europe, aber vor allem an Edward Saids Orientalism orientierte, sah Sundhaussen die Ursachen auch in Ereignissen die sich auf dem Balkan selbst ereignet haben. In diesem Zusammenhang erwähnte er unter anderem die Ermordung des serbischen Königspaares 1903 sowie die Ermordung des Habsburgischen Thronfolgers und seiner Gattin in Sarajevo 1914.

Aber erst nachdem Prof. Dr. Sundhaussen 2007 in den Ruhestand versetzt worden war, erschienen seine wichtigsten Werke: die Geschichte Serbiens. 19. und 20. Jahrhundert (Wien 2007), Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten 1943-2011. Eine ungewöhnliche Geschichte des Gewöhnlichen (Wien 2012) sowie Sarajevo. Die Geschichte einer Stadt (Wien 2014). Diese festigten seinen Ruf als Doyen der deutschen Südosteuropa-Forschung, wie ihn die Süddeutsche Zeitung einmal nannte.

Als die Geschichte Serbiens. 19. und 20. Jahrhundert 2009 in Serbien verlegt wurde, provozierte dies einen nationalen Diskurs über die eigene Geschichte und das eigene Geschichtsverständnis. Zum einen wurde die Frage gestellt, ob jemand die Geschichte eines Volkes schreiben kann, dem er nicht selber angehört, wobei an dieser Stelle angemerkt werden sollte, was auch im damaligen Diskurs nicht gefehlt hat, dass ein vergleichbares Standardwerk eines serbischen Historikers fehlte, und zum anderen spaltete Sundhaussen mit seinen Thesen die serbische Öffentlichkeit. Sundhaussen kam 2009 zur Buchvorstellung nach Belgrad, nahm an Diskussionsveranstaltungen teil und stellte sich seinen Kritikern. Heute ist es vollkommen selbstverständlich, dass Studierende in Serbien auch seine Fassung der serbischen Geschichte der letzten zwei Jahrhunderte während ihres Studiums lesen.

Holm Sundhaussen war von 2000 bis 2010 stellvertretender Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Michael-Zikic-Stiftung. Wir sind ihm für seine konstruktive Mitarbeit und Kreativität während der zehnjährigen Zusammenarbeit dankbar und betrauern zutiefst den Verlust eines Freundes unserer Stiftung, eines bedeutenden Historikers und engagierten akademischen Lehrers.

 

Prof. Dr. Dittmar Dahlmann, Milan Kosanović, M.A. und Prof. Dr. Ljubinka Trgovčević-Mitrović

Bonn-München-Belgrad, 28. Februar 2015

 
 
 
 
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